Keine Ahnung ...vom echten Leben.

Es ist der helle Wahn, den @nainablabla mit Ihrem Tweet ausgelöst hat: Innerhalb von 3 Tagen wurde dieser Spruch mehr als unglaubliche 2.000.000 mal geteilt, favorisiert, geliked, gepostet usw. Fernseh- und Radiosender sind aufgesprungen und interviewen die junge Frau. Es hagelt allenthalben Kritik an unserem Bildungssytem, welches unsere Schüler nicht auf das echte Leben vorbereitet.

Natürlich ist in den unzähligen Kommentaren auch Platz für großangelegte Staats- und Finanzbranchenschelte, die ich Ihnen auch nicht vorenthalten möchte:

2015Tweet2

Entschuldigung, meine Antwort war wohl wenig professionell.
Aber mal ehrlich: die Pauschalisierungskeule bringt uns nicht weiter – im Gegenteil, sie ist sogar gefährlich.

Eine weitere Fraktion fragt anklagend: wo bleibt denn die Verantwortung der Eltern?

Dumm und Dümmer, Was Naina da bemängelt gehört nicht in die algem. Schulbildung sondern sollte durch eine funktionierende Familie vermittelt werden.

 

Ernsthaft? Und was ist mit Eltern? Lehrer können Schülerinnen und Schüler nicht rundum auf das Leben vorbereiten, schließlich tragen Eltern ebenfalls eine große Verantwortung! Nur weil diese kein Bock oder Zeit haben, können wir Lehrer nicht als Elternersatz herhalten!!

… u.v.m. (gefunden in Facebook-Kommentaren)

Ja. Was sagt man als Profi dazu?

Natürlich liegt die Verantwortung nicht allein bei den Schulen.

Aber: Wie bitte, sollen die Eltern diese Verantwortung denn substantiell wahrnehmen?

95% der Eltern sind nicht finanzgebildet.

Das ist keine Kritik, das ist meine 25-jährige Beratungserfahrung.

Woher sollen sie diese Bildung denn auch haben?
Sie kommen aus dem gleichen Bildungssystem wie ihre Kinder und sie hatten in Ausbildung und Beruf ebensowenig Möglichkeiten, sich fundiertes Wissen anzueignen. Sie konnten es – genau wie es @Nainablabla häufig vorgeschlagen wurde – sich nur vom Leben beibringen lassen.

Egal, welcher Generation wir angehören:
Was nutzt uns denn das Pauken einer Zinseszinsformel in der 7 Klasse, wenn wir sie weder im Alter von 20, noch im Alter von 40 in das Gespräch mit einem Banker herüberretten können?
Was nutzte uns Sozialkunde, wenn wir nicht transferieren können, was sie mit uns persönlich zu tun hat?
Und was nutzen uns die Wirtschaftsfächer, wenn wir uns keinen Kontext damit schaffen können, der uns erklärt, warum z.Bsp. die momentanen deflationären Tendenzen als so gefährlich eingestuft werden?
Es fehlt die Vernetzung der Lehrinhalte und eine echte Praxisorientierung.

Eltern können ihre Kinder nicht ausbilden.

Sie können nur ihre Erfahrungen teilen. Sie können mit ihrem Bauchgefühl unterstützen. Sie können sagen, wie sie selbst es gemacht haben.
Sie können nur das, was sie für sich – aus ihrem eigenen Blick auf die Finanzwelt heraus – als Wahrheit erkannt haben, ihren Kindern mitgeben.

Für meine Generation waren das solche Wahrheiten, wie:
“Kind, du brauchst eine Lebensversicherung!” oder: “Ein eigenes Haus, Kind! Eine eigenes Haus ist die beste aller Altersvorsorgen!”

Die heutige Generation lernt Wahrheiten, wie:
“Mach doch alles selbst im Internet, gibt doch unzählige Vergleichsportale!” oder
“Riester? Neee, Riester kannst Du nicht machen! Die ziehen Dir das am Ende doch alles wieder von der Rente ab!”

Diese Wahrheiten waren für uns schon falsch und unsere Wahrheiten sind es für die zukünftige Generation ebenso. Sie haben nichts mit Bildung zu tun – es sind nur Fußstapfen, in die unsere Kinder treten können, wenn sie sich keinen eigenen Weg suchen wollen oder können.

Wirkliche Bildung gibt keine Meinung vor. Sie urteilt nicht. Sie manipuliert nicht. Sie bietet keine vorgefertigten Lösungen.

Und echte Finanzbildung vernetzt Inhalte der VWL, Sozialwissenschaften, BWL, Produktkunde, Finanzsprache und -mathematik, Politik und Persönlichkeitsarbeit und schafft einen wirtschaftlichen Gesamtkontext, den man personalisieren und im wahren Leben nutzen kann.
Nur so ist sie – wie jede richtig genutzte Form des Wissens – das Fundament, dass hilft, sich eine eigene Meinung zu bilden und eigene Wahrheiten zu entwickeln.

Heute wichtiger denn je.


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