Bitcoins sind weit mehr als eine Spielwiese für Freaks und Spekulanten.

Von Spekulationen mit Bitcoins haben die meisten Anleger bereits gehört. Bitcoins sind jedoch weit mehr als eine Spielwiese für Freaks und Spekulanten. Digitalwährungen und die dahinterstehende Technologie haben das Potential die Wirtschaftswelt zu verändern, ähnlich wie einst das Internet. Wie werden wir in Zukunft zahlen, wie Verträge schließen, wie Daten speichern? Brauchen Sie in 10 Jahren überhaupt noch ein Konto oder ein Depot? Haben die klassischen Börsen bald ausgedient?

Auch oder gerade konservatives Family Office sollte man über den Tellerrand hinausschauen und neue Entwicklungen aufmerksam verfolgen, insbesondere dann, wenn diese Entwicklungen bedeutende Veränderungen für das Vermögensmanagement unserer Mandanten mit sich bringen. Ein solches weltveränderndes Thema sehen wir derzeit im Bereich rund um Bitcoins, digitale Währungen und der Blockchain-Technologie.

Bitcoins – Was ist das? Und warum viele von einer Finanz-Revolution sprechen

Als vor sieben Jahren, im Jahr 2010, ein Entwickler mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto seine Software „Bitcoin“ veröffentlichte, interessierten sich allenfalls ein paar Computernerds für seine Erfindung. Dabei war das Versprechen schon damals revolutionär: Die Bitcoin-Software versprach nichts weniger als einen kostengünstigen, fälschungssicheren Zahlungsverkehr zwischen zwei Parteien, und zwar ohne einen Dritten, wie beispielsweise einer Bank. Wer damals den richtigen Riecher hatte und etliche hundert Bitcoins für ein paar Dollar erworben hat, kann sich heute über gewaltige Zuwächse freuen: Ein Bitcoin kostet aktuell ca. 3600 Euro und alle Welt spricht davon. Weil wir von einigen Mandanten auf das Thema angesprochen worden sind, wagen wir uns hier an eine Erklärung des Phänomens „Bitcoin“.

Die Technik

Gleich vorweg eine Überraschung: Es gibt gar keinen Bitcoin. Bitcoin ist nur eine Anwendung, gleichsam eine Interpretation der zu Grunde liegenden Technologie; der so genannten Blockchain. Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich hierbei um eine Aneinanderreihung (chain = Kette) von „Blöcken“. Das funktioniert so: Ausgangspunkt der Idee ist, dass ich einen bestimmten Datensatz fälschungssicher und trotzdem für Dritte einsehbar im Internet speichern möchte. Dazu nehme ich den Datensatz und unterschreibe ihn mit einem digitalen Schlüssel und verteile den Datensatz an alle Netzwerkteilnehmer. Die Nachricht ist damit für jeden lesbar und jeder Empfänger kann nach­vollziehen, dass ich der Absender bin. Das funktioniert genauso wie sichere Verbindungen im Internet: eine digitale Signatur eben.

Meine Nachricht landet bei jedem Empfänger in einem Zwischen­speicher, zusammen mit vielen anderen Nachrichten von weiteren Netzwerkteilnehmern. Sobald dieser Zwischenspeicher eine gewisse Größe erreicht hat, versuchen sogenannte „Miner“ diese Nachrichten in einem Block zusammenzufügen. Dieser neu entstandene Block ent­hält neben den gesammelten Nachrichten auch eine Bestätigung der Korrektheit des letzten, zuvor gebildeten Blocks. Die Besonderheit bei der Verifizierung eines Blocks liegt nun darin, dass diese Miner ein mathematisches Rätsel lösen müssen, damit dieser neue Block auch gültig und damit dessen Korrektheit bestätigt ist. Das Finden der Lösung ist dabei sehr schwierig, ähnlich dem Ausprobieren von Zah­lencodes und verbraucht viel Rechenleistung. Das Überprüfen hinge­gen, ob die gefundene Lösung die richtige ist, ist sehr einfach. Ist die Lösung des Block-Rätsels nun gefunden und der Block damit erzeugt, wird dieser im Netzwerk akzeptiert. Das Spiel beginnt nun von vorne: Weitere Nachrichten landen im Zwischenspeicher, ein weiterer Miner findet die Lösung für einen neuen Block, in dem zugleich auch die Bestätigung für alle vorangegangenen Blöcke enthalten ist.

Auf diese Weise entsteht eine Kette von Blöcken, eben die Block-chain, die aus Nachrichten (Daten) besteht, die jeweils von allen je­weiligen Absendern digital signiert sind. Durch die mathematischen Rätsel sind die einzelnen Blöcke der Chain auch für alle Zeit fäl­schungssicher hinterlegt.

Wenn man sich nun vorstellt, dass diese Nachrichten immer Transakti­onen darstellen (Eigentümer A überweist einen Betrag an Eigentümer B), entsteht die „Währung“ Bitcoin. Dabei sind Bitcoins die Verrech­nungseinheit der in der Blockchain enthaltenen Transaktionen. Die Miner überprüfen fortan also nicht nur die Signaturen der Teilnehmer, sondern auch deren Kontostand. Nur, wenn eine Transaktion gültig ist (d.h. der Absender einen ausreichenden Kontostand hat), wird sie in den Block aufgenommen. Damit die Miner dieses, wegen der aufwen­digen Rechenleistung kostspielige, Unterfangen auch weiter betrei­ben, dürfen sie sich je gefundenem Block selber eine gewisse Anzahl an Bitcoins gutschreiben. Diese Gutschrift an die Miner ist – obwohl eine solche Zahlung keinen Absender hat – per Definition eine gültige Transaktion.

 

Allerdings ist über die Zeit die Anzahl der Bitcoins, die in solchen als gültig betrachteten Transaktionen erschaffen werden, begrenzt, und zwar auf etwa 21 Millionen. Damit steht Bitcoin im Gegensatz zu sogenannter Fiat-Währung, also Euro, Dollar und so weiter: Diese Währungen können durch Zentralbanken und Kreditvergabe vermehrt werden, wodurch dann die Inflation entsteht und auch im schlimmsten Fall die gefürchtete Hyperinflation. „Fiat“ hat übrigens nichts mit dem italienischen Automobilhersteller zu tun, sondern leitet sich ab von „fiat lux“ – „es werde Licht“: Es werde Geld, sozusagen.

Bitcoin aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht

Bitcoins sind also in erster Linie Verrechnungseinheiten, um sichere Zahlungen vorzunehmen. Es existieren bereits einige Anbieter, die in Online-Shops Bitcoins als Zahlung akzeptieren und für den Betreiber des Shops auch in Euro oder Dollar umwandeln. Zweifelhafte Be­rühmtheit haben die Bitcoins auch erlangt, weil sie als Zahlungsmittel auf Dark-Net-Marktplätzen verwendet wurden, um Drogen, Waffen und andere zwielichtige Güter auszutauschen. Obwohl Bitcoinzahlungen nicht anonym sind, sorgt dennoch das Fehlen einer Bank, die die Identitätsfeststellung vornehmen könnte, für einen weitgehend ver­borgenen Zahlungsfluss.

 

Zugleich ist aber auch ein zentrales Thema in die DNA der Bitcoins eingepflanzt: Das der Knappheit. Die Anzahl der durch die Blöcke neu geschaffenen Bitcoins wird immer weniger und die Gesamtmenge aller Bitcoins ist auf ca. 21 Millionen begrenzt. Außerdem investie­ren die Miner immer mehr Geld in bessere Hardware, um die Rät­sel schneller lösen zu können. Gleichzeitig steigt dann aber auch die Schwierigkeit dieser Rätsel, so dass das Finden einer Lösung immer mehr Ressourcen bindet. Auf diese Weise wird zwar das Betreiben der Blockchain durch stärkere Konkurrenz immer teurer, gleichzeitig aber auch immer sicherer.

Solange ein Vertrauen in die Technik und eine Akzeptanz anderer Marktteilnehmer gegeben sind, kann das für den Preis eines Bitcoins gemäß der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre nur bedeuten: Er steigt. Und das tut er auch in der Praxis.

Bitcoins als Anlageinstrument

Angesichts astronomischer Kurssteigerungen, fagen sich viele Anleger, was der wahre Wert eines Bitcoins ist? Letztendlich unterschei­det sich das „Geld“ Bitcoin von offiziellen Währungen wie dem Euro und dem US-Dollar nicht in Bezug auf den dahinterstehenden Wert. Ihr 100-Euro-Schein ist – im Materialwert gerechnet – nichts wert, sondern erhält seinen Wert durch das Gesetz, letztlich aber nur durch das Vertrauen.

Was, zum Beispiel, ist ein Euro aus amerikanischer Sicht wert? Um diese Frage zu beantworten, gibt es einen Devisenmarkt, auf dem der Wert der Währungen stark schwanken kann. Aber Euro und Dollar sind ähnlich konstruiert, daher fallen diese Schwankungen unterein­ander um ein Vielfaches schwächer aus als die Schwankungen von Euro oder Dollar gegenüber dem Bitcoin. Die Ursache für diese star­ken Schwankungen liegt darin, dass Bitcoins nicht nur anders funktio­nieren, sondern natürlich auch bei Weitem noch nicht so etabliert sind wie traditionelle, staatliche Währungen.

Vielfach werden Bitcoins als Hirngespinst einer kleinen Gruppe von Freaks abgetan. Ganz so von der Hand zu weisen ist die Bedeutung des Bitcoins jedoch nicht. Mittlerweile hat die Marktkapitalisierung von Bitcoins 60 Milliarden Euro überschritten, was in etwa dem Bör­senwert von BMW oder dem doppelten Börsenwert der Deutschen Bank entspricht.

Aus Investitionsgesichtspunkten sind Bitcoins wegen der starken Schwankungen nur für sehr nervenstarke Anleger geeignet. Die Bun­desbank betont sogar, dass Bitcoins als Anlageobjekt grundsätzlich ungeeignet seien. Auch wenn Bitcoins (noch) keine Anlage für jeder­mann sind, so ist es aber ein extrem spannendes Thema, das so man­che Einblicke in die Wirkungsweisen der Finanzmärkte offenbart. In den einschlägigen Internetforen diskutieren zigtausende über die neue Technologie, das Entstehen einer Währung und bringen sich konstruk­tiv mit Weiterentwicklungen ein.

Auf der einen Seite erinnern die Geschehnisse rund um den Bitcoin etwas an den Goldrausch, auf der anderen Seite handelt es sich um einen höchst demokratischen Prozess, bei dem jeder mitwirken, beob­achten oder kontrollieren kann. Ganz im Gegensatz zu manchen Akti­vitäten der Banker, bei denen einige wenige Eingeweihte Gold- oder Zinsmärkte manipuliert haben und das lange Zeit im Verborgenen tun konnten.

Wer also aus Neugier einen kleinen entbehrbaren Teil seines Vermö­gens (vielleicht 1%) für den Kauf von Bitcoins „opfert“, wird die Faszination erleben können, die von dieser neuen Welt ausgeht. Aber manchmal wird er auch Schweißausbrüche erleiden, wenn über Nacht der Kurs mal wieder um 40% eingebrochen ist.

Die Technologie „Bitcoin“ wird unsere Welt verändern

In der Presse wird der Bitcoin meist als Zahlungs- und Investi­tionsinstrument besprochen. Dabei ist das eigentlich Revoluti­onäre die Technologie, auf der der Bitcoin basiert. Statt finan­zieller Transaktionen könnte man schließlich auch beliebige Daten fälschungssicher und dauerhaft speichern, ohne einer Au­torität (Behörde, Bank, Notar) vertrauen zu müssen – oder etwas weniger revolutionär ausgedrückt: ohne, dass eine Autorität die In­frastruktur selber vorhalten müsste. Das klingt sehr technisch, bringt uns aber zu einigen denkbaren Einsatzszenarien. Beispielsweise könn­te ein Grundbucheintrag ein Eintrag in der Blockchain sein. Oder man denke an die unzähligen Messdaten, die beispielsweise die Geräte in einigen Autos speichern. Diese werden z.B. an Versicherungen über­mittelt, um Rabatte zu berechnen. Auch das Fahrtenbuch selber, muss „irreversibel“ gespeichert werden. Vielleicht demnächst auf der Blockchain?

Denken Sie an Ihre Steuererklärung. Gut möglich, dass Ihre Daten bald nicht mehr auf Computern bei Ihnen, Ihrem Steuer­berater und im Finanzamt gespeichert sind, sondern fälschungs­sicher in der Blockchain. Wann immer also ein Tatbestand be­weiskräftig belegt werden muss und sich zwei Parteien hierzu der Dienste eines Dritten, beispielsweise eines Notars, bedienen, könnte die Blockchain eine Alternative darstellen. So verwun­dert es nicht, dass sich ausgerechnet die Bundesnotarkammer seit ein paar Jahren sehr intensiv mit der Blockchain beschäftigt. Wer hätte das gedacht?!

Aber auch sonst ist die Bitcoin-Technologie aus dem Stadium des Technikspielzeugs für Freaks erwachsen: Daimler hat bei­spielsweise einen 100-Millionen-Schuldschein auf der Block-chain platziert: Die Landesbank Baden-Württemberg und einige Sparkassen haben Daimler Geld geliehen, der Vertrag, seine Be­dingungen und die erfolgten Zahlungen werden auf der Block-chain dokumentiert.

In Zug, dem Schweizer „Crypto Valley“ – in Anlehnung an das Silicon Valley eine Region, in der sich zahlreiche Block-chain-Firmen niederlassen – kann man als Einwohner seine Amtsgebühren in Bitcoin begleichen. Und auch die großen Ban­ken mischen mit: Goldman Sachs, Morgan Stanley und selbst JP Morgan, die öffentlich behauptet haben, Bitcoin sei reiner Betrug, zählen mittlerweile zu den größten Händlern und inves­tieren stark im Bereich der Blockchain.

Fazit

Ob der Bitcoin in der Lage sein wird, die Rolle einer allgemein akzeptierten Währung zu übernehmen, wird die Zeit zeigen. Das Zeug dazu hätte er, schließlich ist es in der Geschichte des Gel­des eine einzigartige Idee, die hier geboren wurde. Einige wirt­schaftliche Unwägbarkeiten wie beispielsweise die inhärente Deflationierung, also der immer weiter steigende Wert der Wäh­rung durch Verknappung auf 21 Millionen Einheiten, ist dabei sicherlich der spannendste Teil dieses Experiments. Bisher ken­nen wir ja in der Regel nur die Inflationierung, also die Geldent­wertung. Aber auch das Vertrauen in eine Währung, die keiner staatlichen Kontrolle unterliegt, ist ein spannendes Experiment in einer ohnehin immer digitaler werdenden Gesellschaft.

Abgesehen davon ist die Blockchain als Technologie für einige Anwendungsfälle bahnbrechend, weil sie Tatsachen fälschungs­sicher speichert, ohne dass einer Dritten Partei vertraut werden muss. Abrechnungen zwischen Banken wären damit – auch ohne Bitcoin als Währung – ebenso denkbar wie die Speicherung von Versicherungs- oder Katasterinformationen. Die Technologie wird uns also sicherlich noch lange Zeit begleiten. Anders als das Aufkommen des Internets, das ähnlich revolutionäres Po­tenzial hatte, wird sich die Blockchain aber vermutlich eher im Hintergrund abspielen und keinen direkten Berührungspunkt zu den meisten Anwendern haben.

 

 

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