Reminiszenz an das Jahr 2014: Der typisch deutsche Anleger und der Rest der Welt

Deutschland ist Fußballweltmeister, der Song „Happy“ von Pharell Williams ist Lebensgefühl, der Mauerfall feiert 25-jähriges Jubiläum und: Christoph Maria Herbst finanziert sein Filmprojekt „Stromberg“ erfolgreich mit Crowdfunding.

Professor Oliver Rieger von der Universität Trier erklärt auf dem Honorarberaterkongress 2014, wie der deutsche Anleger tickt und wie er sich im internationalen Vergleich mit 53 weiteren Länder verhält. Alles streng wissenschaftlich, versteht sich.

 

Der typisch deutsche AnlegerSein Ausgangspunkt ist die Frage, ob sich kulturelle Unterschiede auch in der Anlageentscheidung widerspiegeln.  Genauer: In der fundamentalen Frage nach den Risiko- und Zeitpräferenzen. Die Zeitpräferenz eines Anlegers beschreibt, wie er die Ein- und Ausgaben über die Zeit verteilen möchte. Und die Risikopräferenz beschreibt das Verhältnis des Anlegers zum Risiko.
Zu den Zeitpräferenzen die Auftaktfrage: „Wenn Sie die Wahl haben zwischen EUR 1.700,- sofort auf die Hand. Oder EUR 1.900,- einen Monat später. Wofür würden Sie sich entscheiden?“

 

Das Auditorium braucht nicht lange für seine Entscheidung: Die Mehrzahl entscheidet sich für die zweite Variante, also EUR 1.900,- einen Monat später. Nicht weiter überraschend, denn es ist der Honorarberater-Kongress des VDH und keine internationale Veranstaltung. Die Teilnehmer dieses Kongresses spiegeln das typische deutsche Anlegerverhalten wider: Der deutsche Anleger ist tendenziell geduldig. Das heißt er gehört eher in die Kategorie der „Sparer“ als in die Kategorie der „Shopper“.

Etwas komplexer wird die ganze Angelegenheit bei den Risikopräferenzen. Denn hier hat ein Mensch die unterschiedlichsten Einstellungen. Wer zum Beispiel Extremsport, wie Paragliding oder Freeclimbing betreibt, ist noch lange kein risikoaffiner Anleger.

Hier gilt es zwei Hauptpunkte zu unterscheiden: Auf der einen Seite die Risikoaversion und auf der anderen Seite die Verlustaversion.

Der deutsche Anleger hat eine allgemeine Risikoaversion beim Thema Geld. Das bedeutet, dass Verluste stärker wahrgenommen werden als Gewinne. Um es am Beispiel eines fiktiven Gesamtportfolios zu verdeutlichen: Von insgesamt 50 Titeln erzielten 45 Titel eine durchschnittliche Rendite von 8% p.a. Die restlichen fünf Titel schlagen mit einer Negativ-Rendite von durchschnittlich 3% p.a. zu Buche.

Der risikoaverse Anleger wertet den Verlust der fünf Titel stärker, als den Gewinn der restlichen 45. Dass das Gesamtergebnis im positiven Bereich liegt, wird ausgeblendet. Viel Überzeugungsarbeit, die der Berater hier zu leisten hat, damit der Anleger, trotz des rein subjektiv empfundenen Verlustes, seiner Strategie treu bleibt. Und nicht nach dem sonst üblichen Motto der risikoaversen Fraktionen handelt: „Ich habe hier Verluste erlitten, also verkaufe ich, und zwar sofort!“

Im internationalen Vergleich zwischen 53 Ländern sieht es folgendermaßen aus: Auf der Skala der Zeitpräferenzen nimmt der deutsche Anleger den ersten Platz unter den Geduldigen, also den Sparern ein. Platz zwei bis vier belegen die Schweizern, Belgier und Finnen. Am anderen Ende der Skala, also bei den Ungeduldigen oder „Shoppern“ dieser Welt finden wir die Nigerianer gefolgt von den Chilenen, Russen und Italienern.

Die Verlustaversion hingegen ist bei den osteuropäischen Ländern sehr stark ausgeprägt. Während diese bei den Briten und den US-Amerikanern kaum vorhanden ist.

Ergo: Kulturelle Unterschiede spiegeln sich sehr wohl in der Anlageentscheidung wider.

Und hier geht es zum Vortrag von Professor Rieger auf HonorarberaterTV

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