Mythos oder Wahrheit: ETFs sind gefährlich

Sie beeinträchtigen die Markteffizienz, erhöhen die Volatilität und beschleunigen Abwärtsbewegungen - Vorurteile gegenüber börsengehandelten Indexfonds gibt es einige. Doch wie gefährlich sind ETFs wirklich? Ist die oft geäußerte Kritik gerechtfertigt oder gehört sie ins Reich der Mythen? (Autorin: Jessica Schwarzer | Capinside)

Die ETF-Branche boomt. Aber mit dem Erfolg wächst auch die Kritik. Nicht immer ist sie berechtigt, manchmal aber doch. Einen Crash etwa können börsengehandelte Indexfonds (Exchange Traded Funds, kurz: ETFs) sehr wohl befeuern. „ETFs können gerade in Krisen Trends verstärken“, sagt Lutz Johanning, Professor an der WHU Otto Beisheim School oft Management. „Solche Effekte können aber auch durch Publikumsfonds, allerdings in geringerem Ausmaß, ausgelöst werden.“ In früheren Krisen kam es dadurch vereinzelt zu starken temporären Verzerrungen zwischen den Preisen der ETFs und der Basiswerte. Um dies zu verhindern, wurden Handelsunterbrechungen an den Börsen eingeführt. „In der Corona-Krise habe ich nichts von nennenswerten Problemen gehört“, so Johanning.

Also Entwarnung? Ja und nein. Ja, ETFs, können Abwärtstrends natürlich verstärken, und das tun sie auch, nebst anderen Instrumenten wie Futures oder ähnlichem. Es kommt aber auf ihren Einsatz an, sagt auch Ali Masarwah, Analyst bei der Ratingagentur Morningstar. ETFs können schließlich auch als Trading-Instrumente verwendet werden. „Wenn es ETFs nicht gäbe, dann würden andere Trading-Instrumente deren Rolle einnehmen“, ist Masarwah überzeugt. „Insofern geht es weniger um die Instrumente als vielmehr um das Anlegerverhalten, das langfristiger ausgerichtet werden sollte.“

Alles ordnungsgemäß?

Ein weiterer Kritikpunkt: ETFs beeinträchtigen die Markteffizienz. Fragt sich nur, ob negativ, wie die Kritiker glauben, oder sogar positiv. So sieht es nämlich wenig überraschend BlackRock, mit iShares Europas größter ETF-Anbieter: „ETFs modernisieren die Kapitalmärkte und machen sie effizienter.“ Dies hätte sich erneut während der Marktverwerfungen im Zuge der Corona-Krise gezeigt: Trotz erhöhter Volatilität seien die Transaktionen ordnungsgemäß verlaufen. Anleger hätten ETF-Anteile jederzeit kaufen und verkaufen können, und die Geld-Brief-Spannen habe sich im üblichen Rahmen bewegt. „Europäische Aktien-ETFs auf US-Indizes wie den Dow Jones oder S&P 500 haben sich als Marktreferenz bewährt, während die entsprechenden Futures auf Grund der Volatilität vom Handel ausgesetzt waren“, so eine Sprecherin.

Besonders deutlich wurden die Vorteile von ETFs während der Corona-Krise im Anleihen-Bereich: Obwohl beispielsweise Hochzinsanleihen aus Schwellenländern zeitweise vom Handel ausgesetzt waren, konnten Anleger entsprechende ETFs weiterhin handeln. Denn während Transaktionen bei Einzelanleihen in erster Linie außerbörslich ablaufen, werden Anleihen-ETFs an Börsen gehandelt – und zwar sowohl am Primär- als auch am Sekundärmarkt. Auf diese Weise bieten sie eine zusätzliche Liquiditätsschicht.  „Damit bestätigte sich in der Corona-Krise, was wir bereits in früheren volatilen Marktphasen beobachtet haben“, sagt die BlackRock-Sprecherin.

Risikoprämie für höhere Vola

Apropos Volatilität - ein weiterer Punkt, der oft diskutiert wird. Führen Indexfonds zu höheren Schwankungen an den Aktienmärkten? „ETFs erhöhen die Liquidität in den Basiswerten, was die Volatilitäten reduziert“, ist Johanning überzeugt. ETFs ziehen aber wegen der geringen Handelskosten auch kurzfristige Liquiditätshändler an. „Dies kann zu einer höheren temporären Volatilität führen“, sagt der Experte. „Allerdings erhalten Aktien mit einem hohen ETF-Ownership für die höhere Volatilität eine Risikoprämie.“

 Überhaupt: „Ausschlaggebend für die Volatilität sind die Kapitalströme“, stellt die BlackRock-Sprecherin zu Recht fest. „Anleger entscheiden auf Basis ihrer Risikotoleranz, Anlageziele und Einschätzung von Marktfaktoren, in welche Marktsegmente sie investieren. Erst nach der Frage der Vermögensaufteilung folgt die Frage der Umsetzung – und welche Instrumente dabei zum Einsatz kommen.“ Es sind also Entscheidungen zur Vermögensaufteilung, die Zuflüsse in verschiedene Anlageklassen, Sektoren und Regionen bestimmen – und damit auch die Volatilität. Der Anlagestil, ob nun indexbasiert oder aktiv, und die Wahl des Anlageinstruments sind zweitrangige Entscheidungen.

Noch geringer Marktanteil

Zumal die Marktmacht von börsengehandelten Indexfonds geringer ist, als oft gedacht. „Da ETFs erst acht bis neun Prozent des europäischen Fondsmarktes ausmachen, kann in Europa von Marktineffizienz wegen ETFs keine Rede sein – zumal es deutlich mehr Anleger gibt als Fonds-Investments“, sagt Masarwah. „Auch in den USA, wo der Marktanteil von Indexfonds deutlich höher ist als hierzulande gibt es meines Wissens keine Belege für eine durch ETFs hervorgerufene Ineffizienz.“ 

Theoretisch gebe es ein Punkt, in dem möglicherweise die Effizienz der Märkte abnehmen könnte, wenn der Marktanteil von ETFs eine bestimmte Schwelle überschreitet. „Aber wo diese liegt, ist vollkommen unklar“, so der Morningstar-Experte. Zumal man davon ausgehen müsse, dass der Fonds nur ein eher kleiner Bereich des gesamten Kapitalmarkts ausmache. „Insofern sehe ich Stand heute diese Warnungen am ehesten als unrealistische Kassandrarufe von denen, die im Begriff sind, die Konsolidierungsschlacht zu verlieren – die aktiven Manager.“ Auch Johanning sieht hier keine Gefahr, „solange genügend aktive Manager, die mögliche Preisverzerrungen rasch ausgleichen, am Markt verbleiben“.

Vorteil: Kostengünstiger Handel

Die Experten halten ETFs grundsätzlich nicht für gefährlich. Sie ermöglichen den kostengünstigen Handel diversifizierter Portolios. „Aber wie immer bei guten Produkten, kann es auch Schattenseiten geben“, sagt Johanning.

Allerdings räumt BlackRock ein, dass es eine ganze Reihe von Missverständnissen hinsichtlich der Auswirkungen von ETFs und ihrer Rolle am Kapitalmarkt gibt. Besonders verbreitet seien Missverständnisse in Bezug auf die Größe von ETFs im Vergleich zum Gesamtmarkt, hinsichtlich der Rolle der Produkte bei Anlageentscheidungen sowie bezüglich der Preisfindung und der Korrelationen an den Märkten. Das ETFs aber gefährlich sind, gehört ins Reich der Mythen.

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